Louis-Ferdinand Hérold

Le Pré aux clercs

Coro e Orquestra Gulbenkian, Ltg. Paul McCreesh, Collection „Opéra français/French opera“ Palazzetto Bru Zane, Vol. 13

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ediciones Singulares ES 1025
erschienen in: das Orchester 03/2017 , Seite 69

Der Name Hérold lebt heute vor allem noch durch die spritzige Ouvertüre zur Oper Zam­pa. Auf der Bühne dürfte das Werk indes weit­er­hin chan­cen­los bleiben, auch wenn das Stadtthe­ater Gießen 2005 eine Auf­führung wagte. Dank der kon­tinuier­lichen Ini­tia­tiv­en von Palazzet­to Bru Zane, dem in Venedig ange­siedel­ten Zen­trum für franzö­sis­che Musik der Roman­tik, wird jet­zt sog­ar an ein noch entle­generes Büh­nenwerk Hérolds erin­nert: Le Pré aux clercs (1832). Der Name beze­ich­net ein Are­al in der Nähe des Lou­vre. An der Paris­er Opéra-comique wurde das Werk bis 1949 dur­chaus erfol­gre­ich gespielt. Danach gab es unter Robert Benedet­ti noch eine Ein­spielung mit dem Orch­ester von Radio Lyrique (1959), mit welchem Jésus Etchev­er­ry 1962 Auss­chnitte fol­gen ließ (auch hier ist eine Gesam­tauf­nahme zu vermuten).
Le Pré aux clercs spielt in den Jahren nach der Bartholomäus­nacht von 1572, blutiger Höhep­unkt der dama­li­gen Glauben­skriege. Während die im gle­ichen Zeitraum ange­siedelte Hand­lung von Gia­co­mo Meyer­beers Les Huguenots den Geschicht­shin­ter­grund als hochdrama­tis­che Folie nutzt, wirkt er bei Hérold fast aus­ge­blendet, spiegelt sich ger­ade mal im Liebesver­hält­nis der Hof­dame Isabelle und des Edel­manns Mer­gy. Dieses ver­sucht der König von Navar­ra zugun­sten ein­er poli­tisch kor­rek­ten Ehe zu hin­tertreiben. Seine Schwest­er, Köni­gin Mar­guérite, ver­hil­ft dem Paar jedoch zu seinem Glück. Die bevorste­hende Heirat des Gast­wirts Girot mit Ninette bildet einen heit­eren Kon­tra­punkt zu diesen Vorgän­gen; mit dem ital­ienis­chen Diener Cantarel­li wer­den die buf­fonesken Ele­mente der Oper zusät­zlich unterstrichen.
Solche „Ver­harm­lo­sung“ passte zum dama­li­gen Zeit­geist und auch zu Hérolds Überzeu­gung, dass ein Büh­nen­werk „pas trop long, bien coupé, bien nerveux et d’un grand rhythm“ sein müsse. In Le Pré aux clercs gibt es dur­chaus lyrisches Schwär­men, vokale Med­i­ta­tio­nen, orches­trale Ein­dun­klun­gen. Das heit­ere Flair jedoch über­wiegt und inspiri­ert den Kom­pon­is­ten immer wieder zu pikan­ten, mitunter fast schon offen­bach­na­hen Num­mern. Das Masken­fest des 2. Akts erin­nert an ver­gle­ich­bare Szenen in Berlioz’ Béa­trice et Béné­dict und Wag­n­ers Liebesver­bot. Auf der Bühne dürfte das alles nicht leicht in den Griff zu bekom­men sein, zumal aus­gedehnte Sprech­di­aloge zu bewälti­gen sind.
Ger­adezu beispiel­haft ger­at­en diese in der vor­liegen­den Auf­nahme. Sie basiert auf Büh­ne­nauf­führun­gen in Paris und der irischen Fes­ti­val­stadt Wex­ford. Bei der Stu­dio­pro­duk­tion in Liss­abon sorgte Paul McCreesh für ein angenehm par­fümiertes Klang­bild und koloris­tis­che Spritzigkeit. Die drei Sopranistin­nen – Marie-Ève Munger (Isabelle), Marie Lenor­mand (Mar­guérite) und Jeanne Crousaud (Nicette) – bril­lieren gle­icher­maßen vir­tu­os. Michael Spyres bewältigt die teno­ralen Höhen­flüge des Mer­gy ohne Kraft­meierei. Gle­ich­falls opti­male Rol­lengestal­ter sind Chris­t­ian Helmer (Girot) und Éric Huchet (Cantarel­li). Das inhalt­sre­iche Book­let gibt es in Buch­for­mat, lei­der nur in franzö­sis­ch­er und englis­ch­er Sprache.
Christoph Zimmermann