Meyer, Krzysztof

Konzert für Klarinette und Orchester op. 96

Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Sikorski, Hamburg 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 83

Wenn der deutsch-pol­nis­che Kom­pon­ist Krzysztof Mey­er, Jahrgang 1943, ein Instru­mentalkonz­ert in Angriff nimmt, denkt er zumeist an einen bes­timmten Inter­pre­ten. Im Fall des 2001 geschriebe­nen Klar­inet­ten-Konz­erts op. 96 war es Eduard Brun­ner, dem Mey­er das Werk auch wid­mete. Brun­ner ist ein­er der Klar­inet­ten-Spezial­is­ten der Neuen Musik. Mey­er verzichtet allerd­ings in diesem Konz­ert auf alle neueren Spiel­tech­niken, er kehrt zum ursprünglichen Charak­ter des Instru­ments zurück. Er lässt es auf seine Art sin­gen und gibt mit weit ges­pan­nten Arpeg­gien auch der Vir­tu­osität Raum. Er ist davon überzeugt, „dass wieder die Zeit gekom­men ist, um über eine neue Art von Melodik und Har­monik nachzu­denken“.
Diesem Cre­do entsprechend eröffnet er den ersten, langsamen Satz mit einem aus­gedehn­ten Klar­inet­ten-Solo, in dem sich die von Klein­in­ter­val­lik geprägte und durch Fort­spin­nung gestal­tete Melodik ein­drucksvoll ent­fal­tet. Der Orch­estere­in­tritt set­zt dem Solopart eine klang­far­blich zarte akko­rdis­che Struk­tur ent­ge­gen. Nach dem lyrischen Beginn wird die Musik zu ein­er großen Steigerung geführt, die dann unver­mit­telt in sich zusam­men­fällt.
Das nach­fol­gende zweim­inütige Alle­gret­to trägt scher­zoar­tige Züge und set­zt der Klar­inette ein­er­seits rhyth­misch pro­fil­ierte Akko­rde, ander­er­seits dichte Pizzika­to-Klangflächen gegenüber. Auch in diesem Satz kommt es zu ein­er ein­drucksvollen Steigerungsphase, die jedoch am Ende wieder abge­baut wird, um unmit­tel­bar in das Largo überzuge­hen, das von einem Tri­olen­mo­tiv im Orch­ester durch­zo­gen wird. In diesem drit­ten Satz sind Orch­ester und Solopart enger verzah­nt. Das melodis­che Gewicht wird dem Orch­ester über­tra­gen, während in der Klar­inette das Fig­uren­werk dominiert. Auf dem Höhep­unkt des sich verdich­t­en­den Wech­sel­spiels set­zt ein klangge­waltiges Orch­ester­tut­ti ein, auf das noch ein reprise­nar­tiger Teil fol­gt. Nach dem vir­tu­osen Beginn des vierten Satzes mit der Tem­pobeze­ich­nung Vivace wird die Musik motivisch fass­bar­er. Aus dem Orch­ester treten einzelne Klang­far­ben (Oboe, Trompete, Solo-Vio­line) her­vor. Der kom­pos­i­torisch gewichtig­ste Satz des Konz­erts zeigt ein sehr aus­ge­wo­genes Ver­hält­nis zwis­chen Orch­ester und Solist. Das Konz­ert wird mit der kreb­s­för­mi­gen Wieder­auf­nahme eines Teils des Ein­gangsso­los aus dem ersten Satz for­mal abgerun­det.
Der Solopart ist im Ver­gle­ich zu anderen zeit­genös­sis­chen Konz­erten als gut spiel­bar anzuse­hen. Der Orch­ester­part ist klang­far­blich vielfältig gestal­tet, worüber der gut les­bare Klavier­auszug jedoch keine Auskun­ft gibt. Ger­ade bei mod­er­nen Werken wären entsprechende Hin­weise als Hil­fe bei der Ein­studierung sin­nvoll.
Das zwanzig­minütige Konz­ert Mey­ers ist sehr durch­sichtig gear­beit­et und zeugt von einem aus­geprägten For­mge­fühl. Es sollte dur­chaus seinen Platz im „nor­malen“ Konz­ert­be­trieb find­en kön­nen.
Herib­ert Haase