Gounod, Charles

Cinq-Mars

Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Ulf Schirmer

Rubrik: CDs
Verlag/Label: French opera del Palazzetto Bru Zane / Ediciones Singulares
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 64

Paris, im Jahr 1642: Seit mehr als drei Jahrzehn­ten regiert König Lud­wig XIII., in Wahrheit jedoch zieht ein ander­er die Strip­pen der franzö­sis­chen Poli­tik: Kar­di­nal Riche­lieu. Mehrere Intri­gen kon­nte der macht­be­wusste Geistliche mit Hil­fe seines Spi­ona­genet­zw­erks bere­its aufdeck­en, dieses Mal jedoch haben sich Adlige und Höflinge mit einem Favoriten des Königs zusam­menge­tan, den Riche­lieu selb­st einst an den Hof gebracht hat­te: dem jun­gen Mar­quis de Cinq-Mars. Doch auch diese Ver­schwörung scheit­ert: Cinq-Mars’ eigene Macht­gelüste und seine unglück­liche Liebe zur Prinzessin Marie de Gon­zague brin­gen ihn zu Fall. Der Kom­plott wird aufgedeckt, Père Joseph – ein mit Riche­lieu befre­un­de­ter Kapuzin­er, das his­torische Urbild aller „grauen Emi­nen­zen“ – wei­ht den König in die ver­rä­ter­ischen Pläne ein, Cinq-Mars wird hin­gerichtet.
Dies ist – verkürzt – der Plot ein­er Nov­el­le von Alfred de Vigny, die der Impre­sario der Opéra Comique, Léon Car­val­ho, 1876 als geeigneten Opern­stoff auswählte und Charles Goun­od zur Kom­po­si­tion antrug. Dessen let­zter Opern­er­folg, Roméo et Juli­ette, lag bere­its zehn Jahr zurück, entsprechend groß war der Wer­beaufwand, der im Vor­feld der Pre­miere am 5. April 1877 stat­tfand. Das Werk wurde dur­chaus beifäl­lig aufgenom­men, doch kon­nte sich wed­er diese Erst­fas­sung – eine Oper mit gesproch­enen Dialo­gen – noch die später erstellte Umar­beitung zur Grand Opéra (mit Rez­i­ta­tiv­en) im Reper­toire hal­ten.
Die vor­liegende, in lim­i­tiert­er Auflage pro­duzierte CD gibt Gele­gen­heit zur Wieder­ent­deck­ung und zum Nach­denken darüber, warum diese Oper Goun­ods – anders als Mireille, Roméo und zumal Faust – keine Langzeitwirkung ent­fal­ten kon­nte. Ist denn nicht, salopp for­muliert, alles dabei? Gut singbare, charak­ter­volle Par­tien, dankbare Auf­gaben für den Chor, ein far­biger Orch­ester­part, eine His­to­rien­hand­lung, gewürzt mit schmack­haften Ingre­dien­zien. Offen­bar strebte Goun­od danach, mit ein­fachen Mit­teln Ein­drücke von Größe, Klarheit, ja: Ele­ganz zu erzie­len. Dies ist zweifel­los gelun­gen, es fehlen der Par­ti­tur mithin echte drama­tis­che Akzente eben­so wie zün­dende Melo­di­en. Manch feinge­sponnene Chor- und Ensem­bleszene sowie das anmutige Diver­tisse­ment im 2. Akt wiegen diesen Man­gel prob­lem­los auf. Das finale Duett-Gebet im Angesicht des Schafotts hinge­gen kommt arg gestelzt des Weges.
Faz­it alle­mal: Die Neubegeg­nung lohnt! Unter Fed­er­führung des Bay­erischen Rund­funks und des Palazzet­to Bru Zane/Centre de musique roman­tique française ist eine run­dum erfreuliche Pro­duk­tion ent­standen: Math­ias Vidal als Cinq-Mars, Véronique Gens als Marie, Tas­sis Chris­toy­an­nis als de Thou und die Sänger der kleineren Rollen gestal­ten ihre Par­tien mit Pro­fil und Couleur. BR-Chor und Münch­n­er Rund­funko­rch­ester unter der Leitung von Ulf Schirmer sind vorzügliche Part­ner. Von wis­senschaftlich­er Akri­bie zeugt das aufwendig gestal­tete Begleit­buch… für Kurzbi­ografien von Sängern und Diri­gent wäre aber vielle­icht doch Platz gewe­sen?
Ger­hard Anders