Bach, Johann Sebastian

Christmas Oratorio

3 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite 21.421
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 77

Zunächst verblüfft der Titel: Das Wei­h­nacht­so­ra­to­ri­um von Bach in ein­er durch und durch deutschen Auf­nahme von 1950 aus dem Archiv des RIAS Berlin, mit deutschem Book­let, neu pro­duziert vom Deutsch­landra­dio Kul­tur – und doch unter englis­chem Namen. Mar­ket­ing, so scheint es, treibt bisweilen selt­same Blüten. Für den Ken­ner der his­torischen Bach-Pflege freilich ist diese CD-Box von beson­derem Inter­esse, weil sie eine Auf­führung­sprax­is bezeugt, die sich abset­zt von der Ten­denz, mit der in den Jahren davor – in ver­häng­nisvoller Analo­gie zum Wag­n­er-Bom­bast der Naz­izeit – Bachs Musik ins Groß­for­matige mon­u­men­tal­isiert wurde.
Die Ein­spielung des Wei­h­nacht­so­ra­to­ri­ums ste­ht in Zusam­men­hang mit dem (unaus­ge­führten) Plan Ris­ten­parts in den Jahren nach dem Krieg, Bachs sämtliche Kan­tat­en für den RIAS einzus­pie­len und dabei ein kul­tur­poli­tis­ches Zeichen zu set­zen: Kan­tat­en-Ring gegen Nibelun­gen-Ring als Sig­nal ein­er geisti­gen Erneuerung. Bewusst wählte er nicht einen großen Ora­to­ri­en­chor für diese Wei­h­nacht­so­ra­to­ri­um-Auf­nahme, son­dern den kleineren RIAS-Kam­mer­chor, der jedoch erst kurz zuvor gegrün­det wor­den war und noch nicht über die fil­igrane Beweglichkeit und klan­gliche Durch­sichtigkeit ver­fügte, wie der Diri­gent sie anstrebte und wie er sie im kur­zlebi­gen, erst 1946 von ihm geformten RIAS-Kam­merorch­ester bess­er ver­wirk­licht fand. Den­noch ver­weisen ger­ade die Choräle auf sein mod­ernes Konzept: Ihr nach­drück­lich zügiges Tem­po wird zum Vers-Ende nicht durch Fer­mat­en gebremst, und bei Enjambe­ments lässt der Diri­gent sog­ar durchsin­gen – auch dies ein Reflex der gle­ichzeit­i­gen Reformbe­stre­bun­gen im Gemein­dege­sang.
Dafür nimmt Ris­ten­part die großen Chöre (etwa zum Ein­gang des ersten und drit­ten Teils) und die Tur­bae-Stücke (etwa den Engel-Chor Nr. 21) deut­lich langsamer, als es heute üblich ist. Das mag nicht zulet­zt seine Gründe haben in den damals noch begren­zten stimm­lichen Möglichkeit­en der RIAS-Cho­ris­ten. Aber auch in anderen Stück­en betont der Diri­gent deren behäbig aus­ge­bre­it­ete Fes­tlichkeit – wie etwa in der feier­lich
gemäßigten Gan­gart der Bass-Arie (Nr. 8 „Großer Herr, o stark­er König“) oder im ruhi­gen Zeit­maß der Zions-Arie (Nr. 5).
Viele Entschei­dun­gen dieser Ein­spielung erk­lären sich aus den Umstän­den ihrer Entste­hung und ihrem Konzept. Ein­er­seits ist sie (namentlich in den ersten drei Kan­tat­en) in Teilen noch der zeit­typ­is­chen Bach-Tra­di­tion verpflichtet, ander­er­seits aber öffnet sie sich (vor allem in den weniger häu­fig aufge­führten und ver­fes­tigten Kan­tat­en) ein­er mod­erneren Prax­is. Das macht die Auf­nahme, in der übri­gens der aus­geze­ich­nete Tenor Hel­mut Krebs und die damals noch sehr junge, auf­strebende Sopranistin Agnes Giebel als Solis­ten (neben der Altistin Char­lotte Wolf-Matthäus und dem Bari­ton Wal­ter Hauck) hörenswerte Akzente set­zen, zu einem auf­schlussre­ichen Ton­doku­ment des Über­gangs.
Rüdi­ger Krohn