Berlin Recital

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BIS-CD-1824
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 74

Aus­ge­bildet zunächst an einem Musik­gym­na­si­um in der Noch-DDR, nach der Wende an der Hanns-Eisler-Musikhochschule im vere­in­ten Berlin und in Chica­go, spielte Ste­fan Schulz Horn, ehe er zur Posaune wech­selte. Nach ver­schiede­nen Sta­tio­nen in anderen Orch­estern ist er seit 2002 Bass­posaunist bei den Berlin­er Phil­har­monikern und lehrt als Pro­fes­sor an der UdK Berlin.
Da die Posaune im Gegen­satz zum Horn oder der Trompete in der Orch­ester­lit­er­atur kaum je ein Solo hat, lag es nahe, dass ein ambi­tion­iert­er Musik­er, der son­st im Orch­ester spielt, ein Solokonz­ert ver­anstal­tete, um die Qual­itäten der Bass­posaune ins rechte Licht zu rück­en. Diese CD ist ein Mitschnitt des Konz­erts, das 2008 im Kam­mer­musik­saal der Phil­har­monie stat­tfand.
In sein­er Schulzeit sang Ste­fan Schulz im Chor, ent­deck­te seine Liebe zum Gesang und ist der Mei­n­ung, dass sich die Vier ern­sten Gesänge von Johannes Brahms „per­fekt“ als „Lieder ohne Worte“ eignen. Tun sie das wirk­lich? Mit betörend schönem Ton phrasiert Schulz makel­los, hält sich akribisch an den orig­i­nalen untransponierten Noten­text und befol­gt Agogik und vor allem Dynamik auf das Genaueste, kurz, er „singt“ diese Gesänge, zuver­läs­sig begleit­et von Tomoko Sawano. Zudem ist der Text zum guten Ver­ständ­nis abge­druckt. Und doch: Diese tief­gründi­ge Sym­biose von Wort und Musik, dieses alter­sweise Werk kann wohl nur ein Sänger überzeu­gend inter­pretieren.
Ein pures Vergnü­gen dage­gen ist sub­Ze­ro – Con­cer­to for Bass Trom­bone des Schweiz­ers Daniel Schny­der, ein vir­tu­os­es Feuer­w­erk mit schi­er unglaublichen Schwierigkeit­en für dieses doch von Natur aus weniger agil scheinende Instru­ment. Hier ist ein Meis­ter am Werk, unter­stützt neben dem Klavier durch Vio­line, Marim­ba und Schlagzeug. Dazwis­chen zwei musikalisch weniger ergiebige, für die Posaune aber dankbare Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen, und zum Schluss eine hüb­sche Zugabe: Lot­tas Lied für die Tochter eines Fre­un­des.
Das Bei­heft allerd­ings hätte mehr Sorgfalt ver­di­ent. Brahms wird allzu pauschal abge­han­delt – hier hät­ten die Umstände dieser sein­er let­zten Vokalkom­po­si­tion inter­essiert, von Stjepan Sulek und Alex­ei Lebe­dev hätte man zu Anfang gern die Nation­al­ität erfahren, die man sich im Laufe des Texts aber denken kann, und ist Daniel Schny­der dem Pub­likum wirk­lich „bestens“ bekan­nt? Außer­dem fehlen die Namen der englis­chen und franzö­sis­chen Über­set­zer des deutschen Textes. Und ist es ein Kom­pli­ment für die kom­pe­tente Pianistin, die „einige“ Preise gewon­nen hat und sich durch „feine“ Musikalität ausze­ich­net, wenn sie als „führende Beglei­t­erin von Blech­bläsern“ beze­ich­net wird? Im Zuge der Glob­al­isierung gibt es die Über­schriften nur noch auf Englisch und die ganze CD heißt Berlin Recital. Weiß jed­er deutsche Käufer, dass Trom­bone auf Deutsch Posaune heißt?
Doch kom­men wir zurück zur Musik: Alles in allem eine inter­es­sante Veröf­fentlichung, durch die man die Bass­posaune ken­nen und ganz neu hören lernt.
Ursu­la Klein